gradia ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt (Projektzeitraum: 2010 bis 2013), das unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Günthner an der Universität Münster durchgeführt wurde und das Ziel verfolgte, auf der Basis der Untersuchung retraktiver (zeitlich zurückweisender) und projektiver (zeitlich vorwärtsgewandter) Konstruktionen einen Beitrag zu einer auf dem Konzept der Dialogizität aufbauenden Grammatik der gesprochenen Sprache zu liefern.

Projektzeitraum: 2010 bis 2013

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Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt “Grammatik und Dialogizität: Retraktive und projektive Konstruktionen im interaktionalen Gebrauch” verfolgt das Ziel, auf der Basis der Untersuchung retraktiver (zeitlich zurückweisender) und projektiver (zeitlich vorwärtsgewandter) Konstruktionen einen Beitrag zu einer auf dem Konzept der Dialogizität aufbauenden Grammatik der gesprochenen Sprache zu liefern. Dem liegt die These zugrunde, dass der Begriff der Dialogizität die Möglichkeit bietet, zwei zentrale Aspekte einer “realistischen Sprachbeschreibung” in einem grammatiktheoretisch relevanten Sinne miteinander zu verbinden:

  • Dialogizität als Organisationsprinzip der Interaktion: Grammatische Konstruktionen entfalten sich im interaktionalen Gebrauch linear in der Zeit. Dabei stellen sie fortlaufend Rückbezüge auf vorhergehende Äußerungen her und bauen Erwartungshaltungen in Bezug auf den weiteren Gesprächsverlauf auf. In diesem Sinne stellen sie keine autonomen, vom sequenziellen Kontext losgelösten Gebilde dar, sondern repräsentieren “Inter-Acts” (Linell 2008) im Rahmen eines dialogisch organisierten zeitlichen Ablaufs alltäglicher Interaktion.
  • Dialogizität als theoretischer Ausgangspunkt der Modellierung von Konstruktionen: Dialogizität formt nicht nur die kontextgebundene und interaktive Aktualisierung grammatischer Strukturen im Gebrauch, sondern sie geht in Folge zunehmender Routinisierung in die kognitiven Muster ein, die den retraktiven und projektiven Konstruktionen zugrunde liegen. Diese dynamische und reflexive Beziehung zwischen Aktualisierung und Sedimentierung wirft grundlegende Fragen auf für eine Theorie gesprochener Sprache, die beabsichtigt, sowohl die dialogische Natur emergenter syntaktischer Strukturen als auch die Orientierung an Musterhaftigkeit im Gespräch zu erfassen.

Das Projekt “Grammatik und Dialogizität: Retraktive und projektive Konstruktionen im interaktionalen Gebrauch” wird bei seiner Arbeit an einem interaktions- und grammatiktheoretisch reflektierten Dialogizitätsbegriff auch an die Ergebnisse des von 2006-2008 geförderten DFG-Projekts “Grammatik in der Interaktion” anschließen, in dessen Rahmen die Arbeitspapierreihe “Grammatik in der Interaktion” (GIDI) entstanden ist. Aus diesem Grund werden die Projektergebnisse interessierten ForscherkollegInnen wieder in der GIDI-Arbeitspapierreihe zur Verfügung gestellt werden.

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Tagung: Konstruktionen im Spannungsfeld von sequenziellen Mustern, Gattungen und Textsorten
Münster, 15.11.2012 – 16.11.2012

Tagung: Grammatik und Dialogizität: sequenzielle, syntaktische und prosodische Muster zwischen Emergenz und Sedimentierung

Münster, 13.6.2012 – 15.6.2012

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Veröffentlichungen
Monographien:

  • Bücker, Jörg (2012a): Sprachhandeln und Sprachwissen: Grammatische Konstruktionen im Spannungsfeld von Interaktion und Kognition. Berlin/New York: de Gruyter (= Reihe Sprache und Wissen 11).
  • Imo, Wolfgang (erscheint März 2013): Sprache-in-Interaktion: Analysemethoden und Untersuchungsfelder. Berlin: de Gruyter.

Herausgaben:

  • Günthner, Susanne/Wolfgang Imo/Dorothee Meer/Jan Schneider (2011) (Hrsg.): Kommunikation und Öffentlichkeit: Sprachwissenschaftliche Potenziale zwischen Empirie und Norm. Berlin/Boston: de Gruyter.
  • Günthner, Susanne/Arnulf Deppermann (2013) (Hrsg.): Temporality in Interaction. Amsterdam: Benjamins.

Aufsätze:

  • Bücker, Jörg (2012b): “Mit die schönsten und heitersten Stunden”: System und Gebrauch der Partikelvorkommen von “mit” im gesprochenen Deutsch. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 31/2, 207-233.
  • Bücker, Jörg (2013a): Position offerings in German radio phone-ins. In: Journal of Pragmatics 45/1, 29-49.
  • Bücker, Jörg (2013b): Indexing narrative metalepsis in German conversational story-telling: The case of “von wegen” and “nach dem Motto”. In: Pragmatics 23/1, 25-51.
  • Günthner, Susanne (2010a): Konstruktionen in der kommunikativen Praxis – zur Notwendigkeit einer interaktionalen Anreicherung konstruktionsgrammatischer Ansätze. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik (ZGL) 37/3, 402-426.
  • Günthner, Susanne (2010b): Grammatik und Pragmatik – eine gebrauchsorientierte Perspektive auf die Grammatik gesprochener Alltagssprache. In: Habermann, Mechthild (Hrsg.): Grammatik wozu? Vom Nutzen des Grammatikwissens in Alltag und Schule Mannheim/Zürich: Dudenverlag, 126-149.
  • Günthner, Susanne (2010c) (in Zusammenarbeit mit Paul Hopper): Zeitlichkeit & sprachliche Strukturen: Pseudoclefts im Englischen und Deutschen. In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion, 1-28.
  • Günthner, Susanne (2010d): Grammatical constructions and communicative genres. In: Heidrun Dorgeloh/Angelika Wanner (Hrsg.): Approaches to Syntactic Variation and Genre. Berlin/New York: de Gruyter Mouton, 195-217.
  • Günthner, Susanne (2011a): The construction of emotional involvement in everyday German narratives – interactive uses of ‘dense constructions’. In: Pragmatics 21/4, 573-592.
  • Günthner, Susanne (2011b): N be that-constructions in everyday German conversation. A renanalysis of ‘die Sache ist/das Ding ist’ (‘the thing is’)-clauses as projector phrases. In: Ritva Laury/Ryoko Suzuki (Hrsg.): Subordination in Conversation. Amsterdam: John Benjamins, 11-36.
  • Günthner, Susanne (2011c): Aspekte einer Theorie der gesprochenen Sprache – Plädoyer für eine praxisorientierte Grammatikbetrachtung. In: Jan Claas Freienstein/Jan Hagemann,/Sven Staffeldt (Hrsg.): Äußerung und Bedeuten. Festschrift für Eckard Rolf. Tübingen: Stauffenburg, 231-250.
  • Günthner, Susanne (2011d): Between emergence and sedimentation: Projecting constructions in German interactions. In: Peter Auer/Stefan Pfänder (Hrsg.): Constructions: emerging and emergent. Berlin/New York: de Gruyter, 156-185.
  • Günthner, Susanne (2011e): Syntax des gesprochenen Deutsch. In: Sandro Moraldo (Hrsg.): Deutsch Aktuell 2. Tendenzen der deutschen Gegenwartssprache. Rom: Carocci, 108-126.
  • Günthner, Susanne (2012a): Eine interaktionale Perspektive auf Wortarten: das Beispiel “und zwar”. In: Björn Rothstein (Hrsg.): Nicht-flektierende Wortarten. Berlin/Boston: de Gruyter, 14-47.
  • Günthner, Susanne (2012b): Die Schriftsprache als Leitvarietät die gesprochene Sprache als Abweichung? ‘Normwidrige’ wenn-Sätze im Gebrauch. In: Susanne Günthner/Wolfgang Imo/Dorothee Meer/Jan Schneider (Hrsg.): Kommunikation und Öffentlichkeit: Sprachwissenschaftliche Potenziale zwischen Empirie und Norm. Berlin/Boston: de Gruyter, 61-84.
  • Günthner, Susanne (2013a): A temporally oriented perspective on connectors in interactions: “und zwar” (‘namely/in fact’)-constructions in everyday German conversations. Erscheint in: Arnulf Deppermann/Susanne Günthner (Hrsg.): Temporality in Interaction. Amsterdam: Benjamins.
  • Imo, Wolfgang (2010a): ‘Versteckte Grammatik’: Weshalb qualitative Analysen gesprochener Sprache für die Grammatik(be)schreibung notwendig sind. In: Rudolf Suntrup et al. (Hrsg.): Usbekisch-deutsche Studien III: Sprache – Literatur – Kultur – Didaktik. Münster: LIT Verlag, 261-284.
  • Imo, Wolfgang (2010b): Interaktionale Linguistik im Internet. In: ZGL 38, 329-334.
  • Imo, Wolfgang (2011a): On line changes in syntactic gestalts in spoken German. Or: do garden path sentences exist in everyday conversation? In: Peter Auer/Stefan Pfänder (Hrsg.): Constructions: emerging and emergent. Berlin: de Gruyter, 128-156.
  • Imo, Wolfgang (2011b): Nein sagen wow meinen… Die Reaktion auf Informationen durch inszeniertes Infragestellen als sequenzielles Muster einer interaktionalen Grammatik. In: Jörg Hagemann (Hrsg.): Festschrift für Eckard Rolf.
  • Imo, Wolfgang (2011c): Die Grenzen von Konstruktionen: Versuch einer granularen Neubestimmung des Konstruktionsbegriffs der Construction Grammar. In: Stefan Engelberg/Anke Holler/Kristel Proost (Hrsg.): Sprachliches Wissen zwischen Lexikon und Grammatik. (Jahrbuch 2010 des IDS) Berlin: de Gruyter, 113-148.
  • Imo, Wolfgang (2011d): Ad hoc-Produktion oder Konstruktion? – Verfestigungstendenzen bei Inkrement-Strukturen im gesprochenen Deutsch. In: Alexander Lasch/Alexander Ziem (Hrsg.): Konstruktionsgrammatik III: Aktuelle Fragen und Lösungsansätze. Tübingen: Stauffenburg, 241-256.
  • Imo, Wolfgang (2011e): Clines of subordination: constructions with the German ‘complement-taking predicate’ glauben. In: Ritva Laury/Ryoto Suzuki (Hrsg.): Subordination in conversation. Amsterdam: Benjamins, 165-190.
  • Imo, Wolfgang (2011f): Cognitions are not observable – but their consequences are: Mögliche Aposiopese-Konstruktionen in der gesprochenen Alltagssprache. In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 12, 265-300.
  • Imo, Wolfgang (2012a): Wortart Diskursmarker? In: Björn Rothstein (Hrsg.): Nicht-flektierende Wortarten. Berlin: de Gruyter, 48-88.
  • Imo, Wolfgang (2012b): Grammatik als gerinnender Diskurs: Äußerungsfinale Gradpartikeln zwischen sequenziellem Muster und syntaktischer Struktur. In: Germanistische Mitteilungen 38, 3-24.
  • Katharina König (2012): Formen und Funktionen von syntaktisch desintegriertem deswegen im gesprochenen Deutsch. In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 13, 45-71.

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Projektleiterin:
Prof. Dr. Susanne Günthner

Wissenschaftliche Mitarbeiter:

Dr. Jörg Bücker, Benjamin Stoltenburg

Assoziierte MitarbeiterInnen:
Prof. Dr. Wolfgang Imo, Katharina König, Lars Wegner

studentische & wissenschaftliche Hilfskräfte:
Sarah Brauckmann, Marcel Fladrich, Yvonne Mende

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